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Klima. Wissen. Handeln! – Technik mit Folgen: Objekte mit multiperspektivischer Textebene; Foto: Sebastian Weissinger
Klima. Wissen. Handeln!
Nachhaltiges Ausstellen im Technischen Museum Wien
Mies van der Rohe, Steve Jobs, Marie Kondo: Glaubt man Design- und Lifestylemagazinen, dann ist Reduktion etwas für Menschen, die es sich leisten können. Und hatte nicht schon Marie Antoinette punktuell ein Faible für das einfache Leben, das sich im Bau und Betrieb eines idealisierten Dorfs im Schlosspark von Versailles zeigte? Ganz anders sieht Reduktion aus, die sich aus dem Mangel an Ressourcen ergibt. Diese hat dann etwa die Form eines Plastiksessels oder eines Solarkochers. Denn auch wenn der Monobloc mittlerweile als Designklassiker gilt, wurde er nicht wegen seiner Form rund eine Milliarde Mal gekauft, sondern weil für seine Produktion Kunststoffgranulat mit einem Materialwert von wenigen Euro benötigt wird. Beim Solarkocher ist es gerade das Image der Arme-Leute-Technologie, das erklärt, warum sich diese atemweg- und klimaschonende Kochmethode nur zögerlich verbreitet.
Diese willkürliche Aufzählung macht deutlich, wie verschieden funktionale und gestalterische Beschränkungen auf das Wesentliche aussehen können und wie unterschiedlich diese infolge bewertet werden. Zu den positiven Werten wie Einfachheit, Klarheit oder auch Aufgeräumtheit, die bei der Beurteilung von Gestaltungslösungen herangezogen werden, kommt nun noch die Nachhaltigkeit hinzu. Denn der Klimawandel ist da und es gilt mit dieser größten Herausforderung unserer Zeit verantwortungsbewusst umzugehen. Damit werden die Karten neu gemischt. Denn mit der Forderung, nachhaltig zu gestalten, weitet sich der Fokus: Es müssen Herstellungsprozesse ebenso wie der Gebrauch über einen längeren Zeitraum hinweg und schließlich etwaige Nachnutzungen mitgedacht werden.
Doch was kann das konkret im Zusammenhang mit nachhaltigem Ausstellen heißen? Bei der Ausstellung Klima. Wissen. Handeln! im Technischen Museum Wien setzten das kuratorische Team, die Gestaltungsbüros studio-itzo (Ausstellungsarchitektur) und MOOI DESIGN (Ausstellungsgrafik) sowie das Produktionsteam des Museums auf verschiedenen Ebenen an: etwa beim Storytelling und bei den dabei angewendeten Darstellungsmitteln, bei der Barrierereduktion, bei der Aktualisierbarkeit der Dauerausstellung oder auch beim Materialeinsatz. Reduktion auf das Wesentliche war auf allen Ebenen und von allen im Team gleichermaßen gefordert.
Obwohl es sehr viel gesichertes Wissen über das Erdsystem und über mögliche Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels gibt, führt die Notwendigkeit einer drastischen Transformation zu Verunsicherung, zu Lähmung oder auch zu Konflikten. Um möglichst viele Besucher:innen dazu zu bringen, sich auf dieses komplexe und oft angstbesetzte Thema einzulassen, wurde sehr beispielhaft argumentiert unterschiedliche Zeigeweisen angewendet: Es gibt auf einer großen Leinwand Filmsequenzen des Dokumentarfilmers Nikolaus Geyrhalter zu sehen. Im anschließenden Bereich werden Objekte in Kombination mit großformatigen Diagrammen präsentiert. Andere Themen werden durch Interviews mit Expert:innen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen nähergebracht: entweder um abstrakte Zusammenhänge greifbar zu machen oder um die Diversität von Zugängen zu unterstreichen. Einige Bereiche setzen vorwiegend auf Bilder als Träger der jeweiligen Erzählung, während ein zentraler Abschnitt der Ausstellung von Exponaten ausgeht, die – multiperspektivisch betrachtet – Technologien sowohl als Problemlöser wie auch Problemverursacher verstehen lassen. Hands-on-Stationen laden ein, sich aus der Perspektive der eigenen Lebensumstände heraus mit der Klimakrise auseinanderzusetzen. Satellitendaten der ESA ermöglichen das Erfassen von globalen Zusammenhängen. Im Future Simulator, einem multimedialen Raum, können die Besucher:innen schließlich entscheiden, welche Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels sie implementieren würden, abschließend präsentiert eine fiktive KI jene Zukunft, die auf den zuvor getroffenen Entscheidungen basiert.
Mit den verschiedenen Zugangsweisen versucht das Ausstellungsteam unterschiedliche Publikumssegmente zu erreichen sowie mögliche Barrieren zu reduzieren und Neugierde zu wecken. Die Besucher:innen sollen sich leicht orientieren können, um sich in einzelne Aspekte gezielt zu vertiefen. Durch die Gestaltung der Bereiche als distinkte Einheiten wirken sie trotz der Fülle des Gebotenen nie überladen, sondern klar strukturiert. Das Bemühen um Barrierereduktion findet sich bei der Art der Textierung, den Abständen zwischen den architektonischen Elementen, bei der Unterfahrbarkeit von Tischen oder der Höhe von Pulten ebenso wie bei der durchgängigen Zweisprachigkeit, den Untertitelungen bei gefilmten Interviews oder auch bei der grafischen Gestaltung der Ausstellungstexte. Drei Taststationen ermöglichen darüber hinaus die Zugänglichkeit von komplexen Informationen für Sehbehinderte.
Auch wenn sich die physikalischen Prinzipien des Treibhauseffekts in den nächsten Jahren nicht ändern werden, wird sich der Diskurs über den drohenden Klimakollaps rasant wandeln. Bei der Konzeption und Gestaltung der Ausstellung galt es daher, die Aktualisierbarkeit über die Gesamtdauer von mindestens zehn Jahren zu gewährleisten. Die Ausstellungsarchitektur von studio-itzo setzt genau hier an: Basierend auf einem Rastersystem und wenigen modularen Elementen, die unterschiedlich kombiniert werden können, lässt sich das gesamte Layout der Ausstellung problemlos erweitern oder auch punktuell umbauen. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Elementen sind zerstörungsfrei reversibel angelegt, um derartige Veränderungen zu ermöglichen. Die Ausstellungsgrafik von MOOI DESIGN setzt dies konsequent fort. „Für diese Ausstellung haben wir uns intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit im Informationsdesign auseinandergesetzt“, so Letitia Lehner. „Eine unserer Herausforderungen bestand darin, Informationen in unterschiedliche Hierarchieebenen zu gliedern und gleichzeitig die Möglichkeit zur kontinuierlichen Aktualisierung zu gewährleisten.“ Mit ihrem modularen Grafikdesign auf austauschbaren Platten ermöglicht die Ausstellungsgestaltung von MOOI DESIGN schnelle und unkomplizierte Adaptierungen der Ausstellungsinhalte. Darüber hinaus wurde zwischen Basisinformationen mit längerer Gültigkeit und dynamischen Inhalten, die regelmäßig erneuert werden können, unterschieden. Während Erstere mit Direktdruck auf Kompaktplatten aufgebracht wurden, wurden Zweitere auf Naturtapeten gedruckt, wobei ein vorgedrucktes Raster deren Anbringung erleichtert.
Farben spielen in der Ausstellung eine zentrale Rolle. Dabei wirkt primär die Farbigkeit des verwendeten Materials – insbesondere die von Lochblechen, Metallstehern, unbehandeltem Holz, grauen und signalroten Kompaktplatten sowie das „Blätterteiggelb“ jener Platten, die bereits in einer früheren Dauerausstellung des Technischen Museums Wien zum Einsatz kamen. Sehr subtil wandelt sich innerhalb der Ausstellung der verwendete Material- und damit der Farbmix. Von Grautönen zu Beginn, die sowohl Technizismus als auch Distanz konnotieren, geht es über zu Holzfarbigkeit, Gelb und Rot, wobei Letzteres jene Bereiche kennzeichnet, die interaktive Elemente aufweisen. Rot wird in der Ausstellung somit zum Symbol für Aktivität und Veränderung. Die Materialfarbigkeit schafft in Kombination mit der für die Ausstellungsgrafik verwendeten Palette von Pastelltönen eine anregende Atmosphäre, ohne in ökologische Stereotype abzudriften.
studio-itzo legte bei der Auswahl des Materials besonderes Augenmerk auf dessen Umweltbilanz im gesamten zeitlichen Verlauf. Veränderungen der Oberflächen sind dabei berücksichtigt. „Es werden sich“, so Rainer Stadlbauer und Martina Schiller, „Spuren des Gebrauchs als wertgeschätztes Erfahrungswissen in die Materialien einschreiben. Wir begreifen diese Spuren als Aufwertungen. Je angreifbarer die Strukturen erscheinen, desto mehr Einschreibungen wird es geben.“ Die wohl nachhaltigste Intervention von studio-itzo liegt jedoch in dem, was nicht zu sehen ist: nämlich im Entschluss, auf alle überflüssigen Architekturelemente zu verzichten. Rohre der Haustechnik liegen ebenso offen da wie die Türen, die zu diversen Technikräumen führen, oder ein Wandsegment, das bei der Generalsanierung des Museums vor mehr als 25 Jahren unverputzt geblieben ist, weil eine Ausstellungswand davorstand. „Die Ausstellungsarchitektur ist“, den Architekt:innen zufolge, „als minimale Intervention zur Akzentuierung vorhandener Qualitäten zu verstehen. Sie verweist auf die materielle Vergangenheit des Ortes genauso wie auf mögliche Zukünfte.“
Die Ausstellung Klima. Wissen. Handeln! möchte dazu anregen, Teil der Lösung zu werden und Transformationen unseres politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems nicht als eine Bedrohung zu sehen, sondern als Chance. Exponate wie der Monobloc, der Solarkocher, Flugzeugsitze aus der Businessclass, ein FCKW-freier Kühlschrank der ersten Generation oder ein Gerät zum Aufspüren illegalen Holzeinschlags fungieren gleichsam als Stellvertreter für ihre Produzent:innen und Nutzer:innen oder auch für jene Politker:innen, die ihren Einsatz regeln. Der Klimawandel wird damit als ein Phänomen sichtbar, das zwar alle betrifft, bei dem Verantwortung und Verwundbarkeit jedoch unterschiedlich verteilt sind. Wir, das Team der Ausstellung, hoffen, dass die Konzeption der Ausstellung und insbesondere deren Gestaltung durch studio-itzo und MOOI DESIGN demonstriert, dass die Reduktion auf das Wichtige nicht Verzicht bedeutet, sondern den Gewinn neuer Möglichkeiten. Reduktion ist dann nicht Luxus, sondern das Resultat bewusst getroffener Entscheidungen mit erheblichem Mehrwert für Gegenwart und Zukunft.